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Backstage im Buchbereich

Wichtig, wichtig, es sind immer Katzen beteiligt! In diesem Fall ist es Kiki, die Korrekturkatze. Sie hat "Marlenes Erbe" Korrektur gelesen, gemeinsam mit Barbara, mit der ich schon sehr oft und immer gern an verschiedenen Büchern und Texten zusammengearbeitet habe. Doch bevor das Manuskript des Romans bei Barbara und Kiki ankam, war es bei der Lektorin.

Lektorat und Korrektorat haben unterschiedliche Schwerpunkte. Ganz einfach gesagt, können sie vielleicht so unterschieden werden: Während es im Lektorat vor allem um die großen Zusammenhänge im Text geht, dient das Korrektorat dazu, auch noch kleinere Fehler zu finden. Eine lektorierende Person wird natürlich immer auch alle Grammatik- und Rechtschreibfehler anmerken, die ihr auffallen. Aber das Hauptaugenmerk liegt nicht auf Kommata und Vertippern. Ebenso wird eine gute Korrektorin auf die logischen Fehler oder Ungereimtheiten im Plot hinweisen, falls ihr noch welche auffallen. Korrektorat und Lektorat haben also Überschneidungen, sind aber zwei verschiedene Sachen.

Das Manuskript von „Marlenes Erbe“ hatten vor diesen professionellen Korrekturläufen bereits mehrere Menschen gelesen, die auf unterschiedliche Themen und Schwerpunkte geachtet hatten. Mir war zum Beispiel wichtig, dass fachliche Sachen richtig beschrieben waren – etwa alles, was mit der Schneiderei zu tun hatte. Deshalb hatte ich mich dazu mit einer Schneiderin abgestimmt und ihr viele Fragen gestellt.

Da mehrere Figuren der LGBT+Community und auch BPOC im Buch dabei sind, war mir wichtig, dass den Text vor der Veröffentlichung Menschen lesen, die zu diesen Communities gehören und mir sagen können, ob sich meine Darstellungen für sie stimmig und richtig anfühlen. Ich habe selbst viel gelesen und in meinem Umfeld gibt es viele diverse Menschen, mit denen ich über ihre Ansichten und Erfahrungen spreche. Aber ich erlebe vieles eben auch nicht selbst. Es ist mir deshalb wichtig, dass ein Mensch, der diese Erfahrungen gemacht hat, mir sagt, ob er das, was ich schreibe, authentisch findet oder Vorschläge hat, was verändert werden könnte. Ich kenne das selbst auch aus den Bereichen, in denen ich eigene Erfahrungen habe – etwa, wenn über die frühere DDR geschrieben wird von Leuten, die weder einen Bezug dazu haben noch irgendeine Person gesprochen haben, die das hatte. Auch in anderen, noch persönlicheren, Bereichen erlebe ich dieses Gefühl. Wenn ihr also selbst schreibt, scheut euch nicht, Texte Menschen aus eurem Umfeld zum Lesen zu geben, denen ihr vertraut und die in bestimmten Lebensbereichen andere Erfahrungen als ihr selbst haben. Auch wenn das nicht immer einfach ist, denn natürlich hat jeder schreibende Mensch zu seinen Texten einen sehr engen Bezug und manchmal ist es gar nicht so leicht auszuhalten, wenn nicht alle alles auf Anhieb bombastisch finden.   

Auch meine Lektorin bei „Marlenes Erbe“ hatte ich gezielt mit diesen Gedanken im Hinterkopf ausgesucht und angefragt. Sie ist nämlich neben dem Lektorat auch auf Sensitivity Reading spezialisiert. Das ist eine Dienstleistung im Bereich Text, die zum Glück immer häufiger und in verschiedenen Bereichen angeboten wird. Hintergrund ist, dass immer mehr Autor:innen gern Texte produzieren möchten, in denen alle Menschen Repräsentanz erfahren. In denen also nicht nur weiße, heterosexuelle, cis Menschen ohne körperliche, psychische oder geistige Behinderung agieren, sondern einfach alle. Und dass diese Menschen überzeugend und authentisch dargestellt werden. Der beste Weg, das zu erreichen ist, dass immer mehr Schreibende, die selbst bestimmte Erfahrungen in ihrem Leben gemacht haben, gelesen werden, also Own-Voice-Autor*innen mehr Raum bekommen. Ergänzend dazu ist es wichtig, dass in allen Büchern vielfältige Menschen wahrhaftig, überzeugend und individuell dargestellt werden. Wenn ich selbst aber weder schwarz noch bisexuell noch behindert bin, ist es wichtig, dass beim Entstehen des Textes Menschen beteiligt sind, die mich darauf hinweisen können, wenn ich etwas falsch formuliere, unabsichtlich Verletzendes schreibe oder Stereotype bediene. Und genau das leistet ein Sensitivity Reading. Noch mehr darüber erfahrt ihr hier auf dieser Seite, auf der ihr auch nach Sensitivity reading in verschiedenen Bereichen suchen könnt. Meine Lektorin Jade S. Kye hat also das Manuskript einmal in Hinblick auf das übliche Lektorat hin gelesen: Sie hat überprüft, ob die Figuren die ganze Zeit hindurch stimmig handeln – und nicht eine an sich ausgeglichene Person völlig anlasslos wütend agiert, ohne dass das aufgelöst wird –, ob jemand mit dem Wohnmobil losgefahren ist, aber plötzlich im normalen PKW sitzt, eine andere Person gerade noch ein dunkelrotes Kleid trug und plötzlich den grünen Rock glattstreicht, aber auch, ob an einem Sonntagmorgen alle ins Büro oder in die Schule aufbrechen, ob die Zeitformen stringent sind oder ob die Sätze zu lang sind (so wie dieser hier). Und darüber hinaus hat Jade im Rahmen des Sensitivity Readings allgemein Feedback gegeben, ob die Beschreibung einer Schwarzen Person so passt – oder was ich besser machen könnte – und auch zu Details, etwa, wie man bestimmte Frisuren bezeichnet (und wie nicht). Natürlich hatte ich mich vorher bemüht, alles zu recherchieren, aber das gelingt nie umfassend. Ich war sehr dankbar und es hat mir viel Sicherheit gegeben, dass eine Person, die sich im Thema auskennt und professionell mit Texten umgeht, alles gecheckt hat.

Ja, und zum Schluss kam „Marlenes Erbe“ auch noch ins Korrektorat bei Barbara und ihrer Katze Kiki (die bestimmt genauso eifrig beim Arbeiten hilft, wie es hier an meinem Schreibtisch Eddi tut!). Das Korrektorat ist der Feinschliff des Manuskripts: Hier sollen auch noch die letzten Fehler, Vertipper, Wortwiederholungen, Rechtschreibfehler … gefunden werden. Kurz: alles, was bei den bisherigen Überarbeitungsgängen noch nicht entdeckt wurde – oder sogar während der Überarbeitung entstanden ist. Das passiert nämlich schnell: Wenn Autorin und Lektorin mit inhaltlichen Änderungen beschäftigt sind, gerät schon mal ein Komma an die falsche Stelle oder ein Tippfehler entsteht, der weder der schreibenden noch der lektorierenden Person zu diesem Zeitpunkt noch auffällt, weil beide den Text jetzt schon so oft gelesen haben und so tief in der inhaltlichen Arbeit sind, dass sie darüber hinweglesen. Barbara hatte also die Aufgabe, genau diese kleinen Sachen zu finden, also die Tipp-, Rechtschreib- und Grammatikfehler aufzuspüren, sämtliche Kommata und andere Satzzeichen an die richtigen Plätze zu verweisen. Und meine Korrektorin meinte: „Es ist viel schwieriger, ein spannendes Buch Korrektur zu lesen, weil man immer aufpassen muss, sich auf Fehler zu konzentrieren :-)!“ Ja, das tut mir für Barbara leid, andererseits ist es natürlich ein sehr schönes Kompliment für mich! Und auf jeden Fall hat sie bei aller Begeisterung für den Text auch solche Dinge aufgespürt wie „Der restliche Nachmittag flog an mir vorbei. Es dämmerte schon, als …“ und kommentiert mit: „An einem Abend im Juni um 18 Uhr?“ Okay, ertappt – und danke 😊!

 

Habt ihr noch Fragen zum Korrektorat, Lektorat oder zum Sensitivity Reading? Dann schreibt sie gern in die Kommentare!

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